Kelheim wird zum Wasserstoff-Standort

Treibstoff der Zukunft entsteht in einzigartigem Konzept. Bis zu 80 Arbeitsplätze bringt das zweistellige Millionen-Projekt.

Von Martin Rutrecht
15. Juli 2021 15:00 Uhr

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Die Wasserstoff -Tankstelle in Kelheim soll künftig klimaneutralen “Sprit” für Autos, Lkw oder Schiffe liefern. Im Bild zu sehen ist ein Antriebsstrang-Exponat eines BMW-Modells, das mit Tanks für sechs Kilogramm Wasserstoff ausgestattet ist. Foto: Sven Hoppe/dpa

Wasserstoff heißt der Antrieb der Zukunft, im Auto, im Schwerlastverkehr, in Zügen. Kelheim wird in der Gewinnung des klimaneutralen Treibstoffs künftig eine Vorreiterrolle spielen. Wirtschaft und Wissenschaft bauen am ehemaligen Südchemie- Gelände Anlagen, die regional und international zur „Tankstelle“ für die Mobilität werden. Das Projekt ist bundesweit einzigartig.

Die „gigantische Herausforderung im Klimaschutz“, so Kelheims Bürgermeister Christian Schweiger, will die Stadt regional annehmen. „Wir werden eine Primärenergie klimaneutral bereit stellen.“ Die Zeit der fossilen Brennstoffe laufe ab, „wir gehen über in eine zukunftsweisende Technologie“. Für das Projekt in Kelheim gibt es einen Schulterschluss von Unternehmen und Hochschulen. Bereits im kommenden Jahr startet die Produktion.

Kelheimer stellen Areal bereit

Das ehemalige Gelände der Südchemie, das seit 2019 im Eigentum der Kelheimer Hermann Meier und Franz Kürzl steht, wurde zum Standort auserkoren. „Die Firma Gimborn produziert dort weiterhin Katzenstreu. Aber sieben der zehn Hektar sind frei“, sagte Meier bei der Präsentation des Konzepts namens „Donau H²ub“, was sich laut Schweiger als „Drehund Angelpunkt“ übersetzen lässt. Die früheren Anlagen sind entfernt, ein Backsteingebäude haben die Eigner als „Reminiszenz“ saniert.

pic2-779x467Auf dem Areal der Südchemie, die 2016 insolvent ging, fiel längst der letzte Kamin. Dort entsteht jetzt die Wasserstoff-Zukunft. Foto: Clariant/pielowphoto

Wasserstoff kann theoretisch auf simple Weise produziert werden: aus Klärschlamm, Gülle und Bio- Abfällen. „Über Biogas kann daraus Wasserstoff gewonnen werden“, erklärte Dr. Timo Körner vom Unternehmen „BavariaHydro“ aus Augsburg, das die Produktion aufbauen wird. Die Herausforderung: „Wir treten vom Labor raus in den Produktivitätsmaßstab“, sagte Dr. Richard Weihrich vom Institut für „Materials Resource Management“ der Uni Augsburg, die als wissenschaftlicher Begleiter eingebunden ist.

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Mit Kelheims Bürgermeister Christian Schweiger (l.) präsentierten die Betreiber aus Wirtschaft und Wissenschaft das Wasserstoff-Konzept für die Kreisstadt. Foto: Martin Rutrecht

Aus dem Klärwerk in Kelheim wird der Klärschlamm in der ersten Phase angeliefert. In der Folge stoßen weitere Zulieferer hinzu, und auch über den Wasserweg der Donau und des Rhein-Main-Donau-
Kanals. Die erste Ausbaustufe soll im dritten oder vierten Quartal 2022 starten. Zwei Anlagen für lokales und angeliefertes Biogas entstehen bis dahin. Läuft Phase eins, soll es zwischen 65 und 80 neue Arbeitsplätze geben.

Rückgewinnung von Metallen aus Schrott

Parallel wird im Backsteingebäude ein weiterer zukunftsträchtiger Sektor installiert: die Rückgewinnung von Rohstoffen aus Elektro- und Elektronikschrott. „Jeder Bürger produziert rund 23 Kilogramm Elektronik-Abfall im Jahr“, sagte Dr. Christian Schärer von der Technologie-Firma „Ecomet Urban Metals“ mit Sitz in der Schweiz, das
Systeme zur Rückgewinnung entwickelt hat. Kunststoff wird zu Baumaterialien verarbeitet, Glas zu Sicherheitsglas und Metalle geht zurück in den originären Kreislauf.

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Kelheimer Impf-Bratwurst schlägt ein

Die Kelheimer Impf-Bratwurst – das symbolische Bild zeigt eine Nürnberger Rostbratwurst – wird zum Politikum. Die Bestellung für das Grillgut für die Impfnacht ist indes noch nicht erfolgt. Foto: Alexander Rüsche/dpa

Der Wasserstoff-Standort Kelheim soll 2025/26 eine zweite Phase umsetzen. Aus Photovoltaikund Windanlagen in Ungarn und der

Ukraine wird vor Ort über Elektrolyse Wasserstoff gewonnen – und per Schiff in die Kreisstadt gebracht. „Kelheim wird zum Wasserstoff- Knotenpunkt, von hier aus soll die Verteilung erfolgen“, so Dr. Körner.
Stufe drei nennt sich denn auch „Wasserstoff-Hauptstadt Kelheim“. Tankstelle, Donau-Schifffahrt, Stadtgas sollen lokale Anwendungen sein, überregional wird die Einspeisung in Strom- und Erdgasnetze angestrebt.

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Die neue Technologie ist auf dem Vormarsch: Dieser blaue Personenzug wird mit Wasserstoff betrieben und soll ab Ende 2022 bei Frankfurt verkehren. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Frühestens 2030 wäre dieser Schritt möglich, erklärten die Experten. „Wird das alles realisiert, stehen eine klimafreundliche Hochtechnologie, moderne Arbeitsplätze, eine Drehscheibe der bayerischen Wasserstoff- Infrastruktur und eine Pipeline- Anbindung“, unterstrich Dr. Körner von „BavariaHydro“ die Bedeutung.

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Neues Photovoltaikprojekt erntet Skepsis

Es wäre die erste Agri-Freiflächen- Photovoltaikanlage in Kelheim. Doch das innovative Vorhaben ist auch groß dimensioniert.

Bei den Kosten zögerten die Teilnehmer etwas. „Nach und nach wird man sehen, was wie viele Mittel erfordert. Von einem zweistelligen Millionenbetrag können wir aber ausgehen“, so Dr. Schärer von „Ecomet Urban Metals“. Die Stadt nimmt für die wissenschaftliche Begleitung am HyLand-Programm des Bundesministeriums für Verkehr teil.

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Dass Kelheim für dieses Projekt ausgewählt wurde, geht auf Bürgermeister Schweiger und einen glücklichen Zufall zurück. „Wir hätten für das Südchemie-Areal auch Industriebetriebe gewinnen können. Ich wollte aber auf Nachhaltigkeit setzen“, so das Stadtoberhaupt. Er klopfte im Vorjahr bei der OTH Regensburg an, wo der mit beteiligte Prof. Dr. Hans-Peter Rabl von Umsetzungsplänen der Uni Augsburg zur Wasserstoff-Produktion wusste. „Das Gelände, der Hafen, die Wasserstraßen, die B16 – die gesamte Infrastruktur sprach für Kelheim“, so die Runde. Auf dem Areal sollen auch alte Schienen in Stand gesetzt werden.

Da steckt viel drin

Energie:

Wasserstoff ist ein ungemein komprimierter
Energieträger. 100 Kilogramm Wasserstoff können
10 Tonnen Batterien ersetzen. Fossile Brennstoffe
machen auf der Erde noch 75 bis 80 Prozent der
Energie aus. Nicht nur der Klimaschutz propagiert
deren Ende – „es gibt Ressourcen, deren
Verfügbarkeit als gefährdet gilt“, so ein
Wissenschaftler.

Rohstoffe:

Vor zehn Jahren wertete ein Uni-Professor aus, wie
viele Metalle in den damals 1,6 Milliarden Handys
auf der Welt stecken. Er kam auf 14.000 Tonnen
Kupfer, 300 Tonnen Silber und 40 Tonnen Gold.
Dazu noch Palladium (10 t) und Platin (0,5 t).
Solche Rohstoffe sollen in Kelheim durch die
„Ecomet Urban Metals“ aus alten Geräten
zurückgewonnen werden.

„Das wird eine Revolution“, war der Gesamttenor. Die Zukunft wurde in ein Kelheimer Bild gekleidet: Die Wasserstoff-betriebene Schifffahrt schippert emissionsfrei und klimaneutral durch den Donaudurchbruch.

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